Die Magie von Geschichten lässt Geschichte lebendig werden

Das Playbook als Türöffner für geschichtliche Bildung

Bad Rothenfelde / Potdsam (ots) Fasziniert klicken sich die Kinder auf der kleinen Inhouse-Messe in Bad Rothenfelde bei Osnabrück durch die Geschichte und merken nicht einmal, dass sie gerade den Lehrplan der Klassen 5 bis 6 durchgehen.

GLUW-Messe / Bad Rothenfelde

Während die Erwachsenen sich an anderen Ständen aufhalten, möchte der Nachwuchs wissen, warum Heloss, ein Sklave, festgenommen wurde, und ob sein bester Freund Tramos ihn wieder befreien kann. Damit geht das Start-up History Voices aus Potsdam ungewöhnliche Wege.

Ein interaktives Buch, das Gameplay-Elemente kombiniert

Die Playbook-Apps sind interaktive Bücher, die mit der Game-Software Unity© entwickelt werden, und dementsprechend einige Gameplay-Elemente benutzen, um den Kindern das Gefühl zu geben, sie wären ein Teil der Geschichte. Der Fokus liegt auf dem Storytelling und der 3D-animierten Umgebung im LowPoly-Stil. Dies ist eine Grafik, die einen Zeichentrickcharakter aufweist. „Niemand weiß, wie es vor 2500 Jahren wirklich ausgesehen hat, deshalb wollte ich bei der Darstellung der Geschichte Raum für Fantasie lassen. Außerdem sollte das Angebot niedrigschwellig sein. Nicht jeder verfügt über einen Gaming-PC, schon gar nicht die Schulen“, erklärt Astrid Kronsbein, Gründerin der „History Voices Playbooks“. Mit wenigen Klicks installiert sich das Playbook auf dem iPad, Tablet, PC oder Laptop.

Menschen lieben Geschichten

Es ist die Geschichte über die ungewöhnliche Jungenfreundschaft zwischen Tramos, einem Aristokraten, und Heloss, einem Schuldsklaven, die den Kindern bewusst macht, dass Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz damals eine Seltenheit waren. Die Playbook-Apps entfachen Magie, indem sie Geschichte mit Geschichten erzählen.

Seit es die Menschheit gibt, erzählen die Völker ihren Kindern Geschichten, um ihre Kultur und Traditionen weiterzugeben. Die Völker mit einer Schrift konnten ihre Kulturen bewahren, die in der Gegenwart nur darauf warten, durch die Geschichtswissenschaft entdeckt und interpretiert zu werden. Das Wissen von mündlich überlieferten Kulturen ist heutzutage kaum noch zu rekonstruieren.

Das Dilemma der Geschichtsdidaktik

Die Geschichtsdidaktik favorisiert eine stets sachlich korrekte, nicht wertende Darstellung der Historie und eine Einordnung zur heutigen Gesellschaft. Museen versuchen durch Techniken, wie Holografien und Virtual-Reality-Brillen, die Geschichte für die BesucherInnen greifbarer zu machen. Zur Standardausrüstung eines Museums gehören Headsets, die in vielen Sprachen passende Audioaufzeichnungen abspielen. Lange Texttafeln vor den Ausstellungsvitrinen sind von gestern.

Heutzutage sind auch die Texte in den Schulbüchern vereinfacht dargestellt. Didaktisch gesehen, versucht man das Wesentliche herauszustellen, denn man will vermeiden, dass sich falsche Vorstellungen in den Kinderköpfen festsetzen – denn man weiß um die geringe Aufmerksamkeitsspanne der Kinder. Deshalb gibt es aufwendig produzierte „Terra X“-Dokumentationen, die historische Ereignisse greifbarer machen. Aber auch da scheiden sich die wissenschaftlichen Geister, ob diese Dokumentationen im Sinne der Geschichtsdidaktik förderlich sind oder nicht. Hier besteht also ein Dilemma: Denn ohne emotionale Verknüpfung lernt der Mensch selten nachhaltig.

Einen inneren Geschichtskompass entwickeln

Die Playbooks sind ursprünglich für Schulen entwickelt worden und zeigten bei Testtagen vor der Corona-Pandemie ihr Potential. Selbst die lernschwächsten Kinder fanden einen Zugang zum Lehrplan durch das Storytelling und behielten das Gelernte auch längerfristig in Erinnerung. Manchmal äußern LehrerInnen Bedenken, die Kinder könnten mit dem Text im Playbook überfordert sein, doch dann erleben sie, wie die Magie des Storytellings ihre Wirkung entfacht und mehr Inhalt hängen bleibt als erwartet. „Es geht nicht darum, die nächste Doktorarbeit schreiben zu können, sondern eine Art inneren Geschichtskompass zu entwickeln“, beschreibt Astrid Kronsbein ihre Vision, etwas gegen die Geschichtsmüdigkeit zu unternehmen.

Im Austausch mit Eltern kommt häufig zur Sprache, dass diese selbst keinen Zugang zur Geschichte gefunden haben, aber ihrem Nachwuchs gerne eine Möglichkeit dazu geben wollen. Hierfür sind die Playbooks genau das Richtige.

Die Playbooks versprechen eine automatische Auseinandersetzung mit der Geschichte, damit sich ein Gefühl für Geschichte entwickeln kann. Ein individuelles Lesetempo ist aufgrund der Point-and-Click-Steuerung möglich. Die leistungsstarken Kinder werden durch die Glossareinträge zusätzlich gefordert. Diese Lernbegeisterung motiviert Astrid Kronsbein: „Ich finde es spannend zu sehen, wie es in den Kinderköpfen rattert, wenn sie die Geschichte erleben.“

Das neue Lernsystem des Playbooks vermittelt Geschichte leicht verständlich

Das Playbook besteht aus zwei Ebenen. Die erste Ebene befasst sich mit den historischen Ereignissen, die mit Dialogen und Szenarien in einer 3D-animierten Welt vermittelt werden. Dabei sammeln sich Wissenseinträge in ein Glossar ein, welches sich auf wissenschaftliche Literatur stützt, und kindgerecht nachlesbar ist. Belohnt werden diese Einzüge durch das Knacken von Schlössern im Glossar und durch die Darstellung der Wissenseule. „Je mehr Schlösser ich knacke, desto mehr verändert sich die Eule von bronze zu silber und schlussendlich zu gold. Allerdings liegt der Fokus nicht darauf, das Belohnungszentrum im Gehirn zu triggern, sondern die Neugierde der Kinder zu wecken“, berichtet die Gründerin.

Durch die fiktive Geschichte, die auf den Lehrplänen der Bundesländer basiert, entsteht eine emotionale Verknüpfung. „Wenn die Kinder in der ersten Episode in die Rolle von Tramos schlüpfen und sehen, wie ihr bester Freund Heloss festgenommen wird, nur weil er ein Sklave ist, dann findet eine Betroffenheit statt und man merkt sich die sozialen Umstände von damals„, äußert sich Astrid Kronsbein weiter.

Die zweite Ebene stellt den Tempel des Wissens dar. Dort lebt der Geist der Menschheit, der in Ketten liegt. Warum er in Ketten liegt, das erfahren die Kinder im Laufe der Geschichte. Vor und nach dem Geschichtsabenteuer treffen die Kinder den Geist. So viel kann verraten werden: Die Kinder haben die Gelegenheit, ihn mit dem gesammelten Wissen über die Geschichte später zu befreien. Außerdem stellt der Geist einen Bezug zwischen Geschichte und heutiger Gesellschaft her – eine erneute Verknüpfung zur Lebensrealität der Kinder.

Die Vision einer Playbook-Bibliothek

Viele Eltern fragen sich, ob es das Playbook nur für die Zeitepoche Antike gibt. Dazu sagt Astrid Kronsbein: „Das steht und fällt natürlich mit dem Erfolg des Konzepts und ob es von den Eltern und Kindern angenommen wird. Aber ich bin da zuversichtlich, denn ich habe schon in viele faszinierte Kinderaugen geblickt, die mit dem Playbook in Berührung kamen. Deshalb haben wir die Starterbox für den Handel entwickelt.“ Unsere Vision ist es, eine Playbook-Bibliothek von der Antike bis zur Neuzeit zu erschaffen. Wir arbeiten beispielsweise gerade an der ersten Episode der Staffel Mittelalter. „Später könnte dann eine Umfrage in einer Fan-Community darüber entscheiden, was wir als nächstes Thema angehen sollen“, sagt Astrid Kronsbein, denn es gibt unzählig viele faszinierende Geschichten zu erzählen.

Die Starterbox Antike – mit Sammelfiguren aus der Geschichte, einer Downloadkarte zur App und einem Begleitbuch – ist für rund 50 Euro bei Weltbild, buecher.de oder im „History Voices Shop“ erhältlich.

Mehr Informationen erhalten Sie unter www.history-voices.de.