»QUEER« HEISST IM GRUNDE EINFACH »ANDERS«

Festival THEATERNATUR 2021 widmet sich einem starken Thema: QUEER

Das Festival der Darstellenden Künste THEATERNATUR 2021 geht mit einem starken Thema und ebenso starken Motiven in die diesjährige Saison. Mit »QUE(E)R DURCH DEN WALD« fühlt THEATERNATUR auf einen Nerv.

Einen Nerv, der aktiv ist und schmerzt. Und das ist notwendig. Sehr sogar. Wem der Begriff »Queer« nicht geläufig ist: Man »lebt oder handelt queer als Person«, so oder ähnlich der Duden, und meint damit, sich einer Geschlechtsidentität zugehörig zu fühlen, die nicht »klassisch« heterosexuell ist. Was das heißt? Nun, eine ganze Menge. Es heißt, dass man entweder homosexuell, also gleichgeschlechtlich weiblich oder männlich lebt, oder bisexuell, also beiden Geschlechtern zugetan, oder transsexuell, also zwischen den Geschlechtern agierend. Das heißt, sich einem, zumeist dem eigenen Geschlecht nicht oder nicht in Gänze zugehörig fühlend. Und das wiederum öffnet ein weites Spektrum an Lebens- und Empfindungsweisen, das – ja, schlicht bunt ist. »Queer« als Begriff findet sich zum Beispiel im Englischen. Er bedeutet so viel wie »andersartig«, »sonderbar«, »merkwürdig«. Im deutschsprachigen Raum, insbesondere in der als »lgbtq« (lesbian/gay/bisexual/tansgender/queer – Lesben/Schwule/Bisexuelle/TransgenderPersonen/Queere) bezeichneten Community hat er sich als solcher etabliert. Heterosexualität ist normativ. Und auch Homosexualität ist zumindest in Deutschland mittlerweile weitgehend gesellschaftlich anerkannt (2001 Anerkennung der eingetragenen Lebenspartnerschaft, 2017 Möglichkeit der Ehe). Deutlich anders sieht das im Falle von transsexuellen Menschen aus. Nun finden sich in Annoncen und Ausschreibungen bereits Angaben wie »w/m/d« – »weiblich/männlich/divers«, und auch sanitäre Anlagen sind mitunter entsprechend gelabelt. Das Leben transsexueller Menschen allerdings ist in der Regel weit entfernt von sogenannter Normalität und lediglich in engen Grenzen geprägt von gesellschaftlicher Akzeptanz. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) e.V. geht von 60.000 bis
100.000 sogenannten trans*-Personen in Deutschland aus. Genaue Zahlen gibt es aufgrund der verschiedenen Ausprägungen nicht. Auch die hohe Dunkelziffer spielt hier hinein. Das auf männlich/weiblich ausgelegte binäre Geschlechtsmodell unserer Gesellschaft trägt diesem Rechnung. Und nur ausgesprochen zögerlich beginnt man, dieses zu hinterfragen und in der Forschung entsprechend zu berücksichtigen.

FORSCHUNG UND OFFENERE SICHTWEISEN
Auch wenn, um lediglich ein Beispiel zu nennen, neurowissenschaftliche Forschungsthesen existieren, die neben dem binären Geschlechtsmodell – männlich/weiblich – weitere Modelle plausibel aufzeigen und entsprechend belegen, ist unsere Gesellschaft weit davon entfernt, dies als Möglichkeit anzunehmen, trans* schlicht zu akzeptieren und inkludieren. Viel ist von Toleranz die Rede. Diese allerdings sollte selbstverständlich sein und damit lediglich kleinster gemeinsamer Nenner. Identitätsbezogene Lebensweisen, welcher Formen auch immer, in Gänze zu akzeptieren, bedeutet jedoch, sie als normativ anzusehen. Und zwar so, dass diese vollständig in der Gesellschaft aufgegangen sind, nicht mehr als „anders“ wahrgenommen werden. Wie das Tragen von Hosen bei Frauen (ein Dank an Coco Chanel). Oder lange Haare und Röcke bei Männern (selbst wenn ER nicht Highländer ist). Dann, und nur dann, werden Begriffe wie „Queer“ obsolet. Weil „anders“ nicht mehr anders ist, sondern „gleich“ oder „auch“ oder normativ. Noch immer ist diesbezüglich viel, sehr viel zu (er)klären. (Er)Klären funktioniert über Verstehen und Verständnis, und damit letztlich über Kommunikation. In welcher Form auch immer. Am besten jedoch in einer Form, die Positionen, Grenzen, Meinungen öffnet statt zu verhärten. Die spielerisch, bunt, mit einer guten Brise Humor, auch schwarzem, daherkommt. Wer könnte dafür besser geeignet sein, als die
Darstellenden Künste.

KUNST KANN, DARF UND SOLL VERMITTELN,
ÖFFNEN – SPIELERISCH THEATRALISCH

Genau deshalb ist es löblich und notwendig, sehr sogar, dass das Festival THEATERNATUR sich dieses Jahr dem Thema „Queer“ widmet und ebendiese offenen Räume der Kommunikation, und damit auch der Diskussion, schafft. Kunst als Mittler und Vermittler auf vielerlei Weisen. So wird das vom 06.-22. August 2021 auf der Waldbühne in Benneckenstein stattfindende Festival der Darstellenden Künste THEATERNATUR mit „QE(E)R DURCH DEN WALD“ auf vielerlei Weisen, sehr bunt und mit großer Offenheit dieses Thema (auf)greifen, (auf)zeigen, kommunizieren, diskutieren – verschiedenste Zugangsweisen und Diskussionsräume schaffen und seinen Beitrag leisten für eine offene Gesellschaft, für die Begriffe wie „Queer“ letztlich obsolet sind.

UND WARUM … DURCH DEN WALD?
Wie nie zuvor ist der Wald, insbesondere der Wald im Harz, Spiegel dieser „Queer“-Problematik. Ein gesunder Wald ist ein Mischwald – keinesfalls Monokultur. Ein Blick in den Harz-Wald – wo er denn noch vorhanden ist – macht sichtbar: Monokultur ist ein sterbendes Konzept, es hat ausgedient. Von Beginn an hat es Grenzen. Funktioniert lediglich auf Zeit. Die Waldbühne, einst mitten im Wald gelegen, ist nicht mehr, was sie einst war. Der Wald rundum hat große Lichtungen bekommen, unübersehbar gelitten. Was könnte deutlicher die Bedeutung und Notwendigkeit von Vielfalt zeigen als der sichtbar kranke Wald. Und
symbolisch nahezu stehen für pluralistische Rollen und Gesellschaften und Konzepte – auch Geschlechterrollen. Versteht man das Öffnen der Gesellschaft für weitere Geschlechterrollen als Erweiterung im Sinne von VIELFALT, vor allem aber als Bereicherung der Gesellschaft, wird diese nicht mehr als Bedrohung wahrgenommen. Eine Gesellschaft kann das. Sie kann hinzulernen, Diskussionen führen, neue Konzepte als Gewinn sehen. Auch diese Bedeutungsebene wird im diesjährigen Festival aufgegriffen und aufgezeigt. Mit einem ebenso offenen Theaterkonzept, das den gewohnten Bühnenauftritt öffnet und um verschiedenste künstlerische Darbietungsweisen ergänzt. So erwarten die Besucher auch 2021 Ensembles und Künstler*innen aller Darstellenden Künste – Schauspiel, Musik verschiedener Genres, Performance, Tanz, Solos, Lesungen, Junges Theater. Sie alle bekommen eine Bühne – nicht nur die Waldbühne, sondern auch den Wald und weitere Aufführungsorte. Auch hier wird es spannend – und vielfältig und bunt.

DER KÖNIG UNSERER WÄLDER ZEIGT SICH
ANDERS! UND IN BEGLEITUNG.

Starke Motive zu einem starken Thema. Ein Symbol-Tier des diesjährigen Festivals THEATERNATUR ist der König unserer Wälder, ein Symbol auch des Harzes: der Hirsch. Tradition und Männlichkeit vereinen sich in diesem Tier, das in besonderer Weise für den Wald, den Harz, ein intaktes System steht. Und er kommt „anders“ daher: eben bunt. Und mit Begleitern. Hier fügen sich alte und neue Darstellungen, alte und neue Perspektiven, alte und neue Rollenverständnisse – mit einem Augenzwinkern. Und dem Blick auf ein erfolgreiches Festival voller Freude, Impulse, Themen, Humor, anspruchsvoller und unterhaltender darstellender Theater-Kunst.

THEATERNATUR
Festival der Darstellenden Künste
6. – 22. August 2021
Waldbühne Benneckenstein / Harz                          

Web: www.theaternatur.de 

Veranstalter: 

KULTURREVIER HARZ e. V.
Bahnhofstraße 22c
38877 Oberharz am Brocken / OT Benneckenstein

Web: www.kulturrevier-harz.de