Komplizierter wird es, wenn aus dem sichtbaren Zustand eine fachliche Schlussfolgerung gezogen werden soll. KI-Systeme können beispielsweise darauf trainiert werden, sichtbare Schadstellen an Straßen oder Bauwerken auf Bildern zu erkennen und entsprechende Bereiche zu markieren. Eine solche Markierung bedeutet jedoch noch nicht, dass die KI einen Baumangel fachlich festgestellt hat. Je komplexer ein Sachverhalt ist und je stärker seine Bewertung von Erfahrung, Kontext und Fachwissen abhängt, desto schwieriger wird eine automatisierte Beurteilung.
Auch die Qualität der vorhandenen Trainingsdaten spielt eine Rolle. Besonders gut eignen sich Objekte oder Zustände, die häufig auftreten, auf Bildern eindeutig erkennbar sind und für die ausreichend Vergleichsdaten vorhanden sind. Damit bleibt klar: KI ist kein Ersatz für Fachwissen, sondern ein Werkzeug, das Experten bei klar definierten Aufgaben unterstützt.
Vom Baustellenrundgang zum Kontrollzentrum?
Der Arbeitsplatz des Bauleiters dürfte deshalb nicht vollständig von der Baustelle ins Büro wandern. Die Technologie kann ihm aber einen Teil der Informationsbeschaffung abnehmen. Statt eine weitläufige Baustelle ausschließlich zu Fuß zu kontrollieren, können Luftaufnahmen zunächst einen Überblick liefern. Wiederkehrende Aufnahmen dokumentieren Veränderungen. Automatische Bilderkennung kann große Datenmengen vorsortieren und auf bestimmte Objekte oder Auffälligkeiten hinweisen. Die Automatisierung hilft somit vor allem dabei, relevante Informationen schneller zu finden und gezielt bereitzustellen. Die fachliche Bewertung und die Entscheidung darüber, welche Bereiche genauer betrachtet oder vor Ort überprüft werden müssen, bleiben weiterhin Aufgabe des Bauleiters.
Auch klassische Vermessungs- und Auswertungsverfahren verschwinden dadurch nicht. Punktwolken, Orthofotos, 3D-Modelle und detaillierte Analysen entstehen weiterhin in nachgelagerten Verarbeitungsschritten. Die KI ergänzt diese Verfahren vor allem dort, wo Informationen möglichst schnell aus großen Mengen von Bilddaten herausgefiltert werden sollen. Damit könnte sich auch die Rolle des Baustellenbesuchs verändern: weg von der flächendeckenden Bestandsaufnahme und stärker hin zur gezielten fachlichen Kontrolle.
Über Nicolai Nolle:
Nicolai Nolle ist Gründer und Geschäftsführer von viscan in Stuttgart. Seit 2011 treibt er die Integration von Vermessung, Drohnentechnologie, 3D-Scanning und Building Information Modeling (BIM) voran. Mit seinem Unternehmen begleitet er öffentliche Auftraggeber, Ingenieurbüros und Bauunternehmen bei der Umsetzung digitaler Bauprozesse. Mehr Informationen unter: https://viscan.de






